Kunstsammlung - Werkvorstellung

"D'ici et ailleurs" - ein Kunstwerk von Romain van Wissen

Was sehen wir? Was will der Künstler ausdrücken? Das Werk von Romain van Wissen, das 2014/2015 entstand, wirft viele Fragen auf. Die Entstehungsgeschichte bringt ein wenig Licht ins Dunkle...

Wir sehen: eine geflieste, graffitibeschmierte Unterführung, schmutzig, klamm und menschenleer, mit merkwürdiger Beleuchtung. Am Boden ein wüster Haufen zum Teil kaputter Teller. In der Mitte das Foto von einem Turm, weiter hinten das einer Landschaft, einer Stadt… alles in allem ein ziemlich desolates Bild. Rein objektiv: eine collagenartige Komposition aus scheinbar zusammenhanglosen Elementen.

„D'ici et ailleurs“
Romain van Wissen

Ein Traum? Ein unangenehmes Erlebnis? Was ist hier geschehen? Den Schlüssel zu diesem rätselhaften Bild hält der Künstler zunächst vor uns verborgen, auch der Titel hilft uns nicht weiter.

Doch die Entstehungsgeschichte des Gemäldes bringt uns auf die richtige Spur:

Als 2015 die Stadt Mons sich ein Jahr lang europäische Kulturhauptstadt nennen durfte, fanden dort unter anderem zahlreiche Kunstausstellungen statt. Die in Mons ansässige Kunstgalerie Koma beauftragte im Rahmen eines Themenzyklus unter anderem den ostbelgischen Künstler Romain Van Wissen damit, ein Bild zu der

legendären Persönlichkeit des Julius Koch zu malen. Es ging bei dieser Themenwahl um ethische Fragen zum Umgang mit Toten. Julius Koch war ein in Göppingen geborener und in Mons verstorbener Riese, dessen famoses Skelett man heute im Musée des Sciences Naturelles in Mons bestaunen kann.

Nun löst sich für denjenigen, der sich ein wenig mit der Geschichte des „Schaustellobjektes“ Julius Koch beschäftigt hat, das Rätsel auf.

Die verschiedenen Elemente fügen sich zu einer Geschichte im Zeitraffertempo:

Das Schwarzweißfoto am hinteren Eingang der Unterführung zeigt die Stadt Göppingen anno dazumal. Die lieblos besprühte Unterführung repräsentiert die heutige Stadt. Eines der Graffiti, im Hintergrund links, zeigt den Kopf Julius Kochs mit Zylinderhut. Vorne rechts lesen wir nun sogar seinen vollständigen Namen.

Die deplatziert wirkende Deckendekoration ist die der Folies Bergères, dem berühmten Pariser Cabaret in dem Julius Koch unter seinem Pseudonym „Le géant Constantin“ aufgetreten ist. Wenn die Auftritte des Riesen in der Zeitung angekündigt wurden, pries man gerne dessen unglaublichen Appetit - daher der „riesige“ Tellerhaufen sowie die angedeutete Tischdecke im Vordergrund des Bildes. Schlussendlich finden wir in der Mitte den Belfried von Kochs Sterbeort Mons wieder, an dessen Fuß sich …die Galerie KOMA befindet. So schließt sich der Kreis.

Romain Van Wissen erhielt 2014 als erster die Auszeichnung „Künstler der Deutschsprachige Gemeinschaft“.

Das Werk „D'ici et ailleurs“ ist seit 2016 im Besitz der Deutschsprachige Gemeinschaft.