Reif fürs Denkmal?

Am 17. Januar 2014 fand im Europasaal des Ministeriums eine Tagung statt, bei der die Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt stand. Ziel der gut besuchten Veranstaltung war es, den Blick für diese Architektur aus der Sicht des Denkmalschutzes in der DG zu schärfen. Im Vorfeld wurde die Bevölkerung dazu aufgerufen, interessante Gebäude aus diesem Zeitraum vorzuschlagen. So wurden am Freitag im Ministerium insgesamt 14 Gebäude präsentiert, von der Einsiedelei in Wiesenbach über die Villa Peters in der Eupener Unterstadt bis hin zum Wetzlarbad, das in den Augen der Gäste der Veranstaltung von allen Vorschlägen das Gebäude, mit der interessantesten Bausubstanz ist.

Den Blick für die Architektur des 19. und 20 Jahrhunderts geschärft

Zahlreiche neue Erkenntnisse nach Denkmalschutztagung

Das Verständnis für die Qualitäten dieser Architekturformen gehört noch nicht zum alltäglichen Selbstverständnis des Denkmalschutzes in der DG, dies soll sich in den nächsten Jahren ändern. Die Ministerin stellte in ihrer Begrüßungsrede die Frage, ob wir mehr oder weniger Denkmalschutz in der DG brauchen. Und mit Blick auf die Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts lieferte die Ministerin auch gleich die Antwort: Mehr Denkmalschutz. Allerdings beruhigte die Ministerin das Publikum umgehend, man werde auch in Zukunft in der DG nicht in einen Unterschutzstellungswahn verfallen. Als Beleg zählte die Ministerin die fünf Objekte auf, die in der laufenden Legislaturperiode unter Schutz gestellt wurden: 2013 ein Stellwerk des Raerener Bahnhofs und die gesamte Anlage des Bahnhofs, davor das Waldenburghaus in Kettenis, 2012 ein Jugendstilhaus in Burg-Reuland und 2011 ein Gartenhaus am Eupener Werthplatz sowie das Kriegerdenkmal auf demselben Platz. Es gehe in erster Linie auch in der DG darum, sich nun auch der jüngeren Geschichte zu widmen, diese zu dokumentieren und in Einzelfällen zu wahren, nachdem der Denkmalschutz sich bis dato auf die Zeugnisse der Zeit vor dem 19. Jahrhundert konzentriert hat. Gerade das 19. und das 20. Jahrhundert waren für die DG als Grenzregion Zeitzeugin der Industrialisierung und der Weltkriege sehr wechselvoll und ereignisreich.

Prof. Dr. Kier schaffte es mit konkreten Beispielen aus Köln und Eupen den Blick auf erhaltenswerte Bausubstanz zu schärfen

Abreißen oder erhalten

Nachdem der aktuelle Präsident der Denkmalschutzkommission der DG, Rudolf Kremer, einen Rück- und Ausblick auf den Denkmalschutz in der DG aus Sicht der Kommission gegeben hatte, referierte die Grazer Kunsthistorikerin Prof. Dr. Hiltrud Kier über denkmalwerte Bauten des 19. und 20. Jahrhunderts am Beispiel von Köln und Eupen. Prof. Dr. Kier schaffte es anhand konkreter Beispiele aus Köln und Eupen schnell, den Blick des Publikums für Dinge zu schärfen, die diesem so nicht bewusst waren. So wies die Kunsthistorikerin z.B. das unscheinbare ehemalige Gewerkschaftshaus (Neustraße 100 in Eupen) von 1952 hin, in dem so gut wie jeder Einwohner der DG eher einen „Abrisswert“ als einen „Denkmalwert“ erkennen würde. Jedoch habe dieses Haus nicht nur eine gesellschaftliche, sondern auch eine architektonische Bedeutung“, betonte Prof. Dr. Kier, die heute als Honorarprofessorin an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms- Universität Bonn Kunstgeschichte lehrt.

Studie zum Denkmalbestand in der Eupener Unterstadt

Als zweite Referentin hatte man die Dipl. Ing. Heike Kussinger-Stankovic gewinnen können. Sie ist seit vielen Jahren im Denkmalschutz aktiv ist und leitet seit 2005 ein eigenes Büro zur Denkmalberatung. Frau Kussinger-Stankovic hatte im Vorfeld der Tagung im Auftrag der DG eine Studie zum Denkmalbestand in der Eupener Unterstadt verfasst, die im Mittelpunkt ihres Referats stand. Wenn man genau hinschaue, sei auch heute noch die industrielle Blütezeit der Eupener Unterstadt an vielen Stellen ablesbar. „Bevor noch mehr dieser ‚sprechenden‘ materiellen Zeugnisse der Lebens- und Arbeitsumstände des Industriezeitalters ohne Wertschätzung ihrer Qualitäten verschwinden, sollten diese Bauten und Anlagen aufmerksam betrachtet, zum Sprechen gebracht und für die Zukunft bewahrt werden“, so Heike Kussinger-Stankovic, die weiter ausführte: „Eine Fülle baulicher Zeugen der industriellen Epoche des 19. und 20. Jahrhunderts sind in der Eupener Unterstadt bis heute beredtes Zeugnis der damaligen Lebensumstände. Es geht darum, typische Elemente des Industriezeitalters verständlicher zu machen und auch Neugierde zu wecken. Früher war nicht alles besser, aber „früher“ prägt „heute“. Kultur, auch Baukultur, ist immer identitätsstiftend und gibt Orientierung. Deshalb ist es wichtig Zeugen der Vergangenheit zu respektieren und sie in den zukünftigen Entwicklungen als Fortschreibung der prägenden Eupener Industriegeschichte zu integrieren.“ Die Überraschung im Publikum war spürbar, als die wissenschaftliche Mitarbeiterin der TU Dortmund auf den Denkmalwert des „allgegenwärtigen ausgeklügelten Teichsystems von Weser und Hill mit all seinen Wehren, Schleusen und Kanälen“ zu sprechen kam. In Düren stehen diese Mühlenteiche übrigens seit 2013 unter Schutz.

 

Dipl. Ing. Heike Kussinger-Stankovic stellte die Ergebnisse einer Studie zumDenkmalbestand in der Eupener Unterstadt vor.